Selbstkonzept

Beziehungsbotschaften spielen nicht nur bei aktuellen Gesprächsanlässen eine wichtige Rolle, sie können auch erhebliche Langzeitwirkungen haben. Hier ist wieder ein Rückblick auf die Kindheit notwendig. Da mit der Beziehungsbotschaft dem Empfänger mitgeteilt wird, was der Sender von ihm hält, ist es für die Identitätsfindung des Kindes von wesentlicher Bedeutung, welche Botschaften es von seinen Bezugspersonen und seiner Umwelt erhält. Dadurch erfährt das Kind: „So bin ich also.“ – „So ist meine Position in der Welt.“ Auf diese Weise entsteht das Selbstkonzept, die Meinung von sich selbst. Ist diese Meinung erst einmal verinnerlicht, sucht sich das Individuum eine Erfahrungswelt, die dieses Selbstkonzept immer wieder bestätigt.

 

Entstehung des Selbstkonzepts

Zunächst sind es die expliziten und impliziten Beziehungsbotschaften, die das Kind von seinen ersten Bezugspersonen erhält und die vor allem als Du-Botschaften und Etikettierungen gegeben werden. Explizite Botschaften werden direkt ausgesprochen: „Aus dir wird nie etwas.“ – „Du bist unser braves Kind.“- „Ein Junge weint doch nicht.“ Die impliziten Botschaften werden eher zwischen den Zeilen oder auch non-verbal mitgeteilt z.B. durch Ablehnung, Zuwendung, Überbehütung: „Du bist unerwünscht.“ – „Du bist unselbständig, um dich muss man sich immer kümmern.“
Ausgestattet mit diesem „vorläufigen“ Selbstbild kommt das Kind zur Schule und erfährt dort, wie es von Seiten der Institution gesehen wird.
Auch die Gesellschaft als Ganzes mit ihren Einrichtungen, Vorschriften und Gesetzen, Werbung und Medien senden Du-Botschaften an den jungen Menschen.

Aufgrund dieser Erfahrungen hat sich mit Eintritt ins Erwachsenenalter das Selbstkonzept so weit verfestigt, dass es nunmehr als feste Größe die weiteren Erfahrungen des Erwachsenen bestimmt, nämlich solche, die dieses Selbstkonzept immer wieder bestätigen.

 

Das Selbstkonzept bestimmt die Erfahrungen

Es werden vor allem solche Erfahrungen gesucht, die das Selbstkonzept bestätigen. Dies geschieht im wesentlichen durch zwei Mechanismen: Vermeidungen und Verzerrungen.

Vermeidungen
Erfahrungen, die dem Selbstkonzept widersprechen, werden vermieden.
Hat jemand z.B. immer erfahren, dass er technisch unbegabt ist, wird er Situationen meiden, in denen es auf technisches Verständnis ankommt und wird auf diese Weise auch wenig Erfahrung mit technischen Dingen machen. So gerät er auch in ein Übungsdefizit und wird schließlich tatsächlich technisch unbegabt sein (sich selbst erfüllende Prophezeiung).

Verzerrungen
Erfahrungen, die zur Änderung des Selbstkonzeptes führen würden, werden umgedeutet, so dass sie wieder in das Selbstkonzept passen.
Wie Nachrichten vom Empfänger aufgefasst werden, ist stark abhängig vom Selbstkonzept. Der eine mit hohem Selbstwertgefühl freut sich z.B. über ein Lob, während es der andere mit niedrigem Selbstwertgefühl für eine unzutreffende Schmeichelei hält.
Ein weiteres Beispiel für derartige Verzerrungen ist die Ursachenzuschreibung für Erfolg und Misserfolg. Ein Mensch mit hohem Selbstwertgefühl interpretiert Erfolge eher als Ergebnis seiner eigenen Leistung, während ein Mensch mit geringem Selbstwertgefühl eher den Zufall verantwortlich macht.
Diese Verzerrungen bzw. das Nicht-Wahr-Haben-Wollen kann sogar auf innere Zustände betreffen. Wer sich z.B. als friedfertigen und harmoniebedürftigen Menschen erlebt, kann Gefühle von Wut und Ärger bei sich nicht zulassen (vgl. auch „hergeleitete“ Gefühle)

 

Diese Seite drucken

Copyright 2011 Dipl.-Psych. Ingeborg Prändl