Authentisch sein

Wir haben gesehen, es gibt viele gute Gründe dafür, sich nach außen hin so zu geben, wie einem innerlich zumute ist. Dies setzt aber die Fähigkeit voraus, sich seines inneren Gefühlszustandes überhaupt bewusst zu sein, und den Mut, ihn ehrlich dem anderen gegenüber einzugestehen.

In der Psychologie bezeichnet man diese Fähigkeit als Authentizität oder Kongruenz.

Allgemein gilt für die zwischenmenschliche Kommunikation (nach ROGERS):

 

  • Je authentischer der Sender kommuniziert, desto klarer und eindeutiger ist die Nachricht für den Empfänger zu verstehen.
  • Je offener der Sender seine Gedanken und Gefühle preisgibt, desto weniger muss der Empfänger selbst auf der Hut sein und kann folglich besser zuhören.
  • Je mehr der Empfänger wirklich zuhört, desto mehr wird sich der Sender verstanden fühlen und dem Empfänger positive Wertschätzung entgegenbringen.
  • Dies merkt der Empfänger, fühlt sich akzeptiert und kann seinerseits authentisch kommunizieren.

 

Die seelische Grundvoraussetzung für eine authentische Selbstoffenbarung besteht also darin, sich selbst nichts vorzumachen. Der Mensch tendiert aber dazu, vornehmlich die Dinge wahrzunehmen, die ihm in den Kram passen, und andere auszublenden oder so umzudeuten, dass sie in sein eigenes Weltbild passen. So verfährt er auch mit inneren Ereignissen, seinen Gefühlen und Impulsen.

 

Selektive Authentizität

Die eigenen Gefühle offen auszudrücken bedeutet aber nicht, ungefiltert alles zu sagen, wonach mir gerade ist. So wäre es beispielsweise unangebracht, wenn ein Angestellter zu seinem Chef sagen würde: „Ich habe eine solche Wut, dass ich Ihnen am liebsten eine Ohrfeige geben würde.“ Ich muss mir auch Gedanken darüber machen, wie das, was in mir vorgeht und was ich davon äußere, vom anderen gehört und aufgefasst wird.

Offenheit ist nicht von Anfang an zwischen Menschen vorhanden, sondern muss vorsichtig erworben und gelernt werden. Außerdem verträgt nicht jede Beziehung das gleiche Ausmaß an Offenheit. Allerdings gilt für jede Art der Beziehung, dass das, was ich sage, auch echt sein soll.

Deshalb gilt:

Nicht alles, was echt ist, will ich sagen, aber was ich sage, soll echt sein.

 

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Copyright 2011 Dipl.-Psych. Ingeborg Prändl